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Wenn das Alphabet zum Stolperstein wird
Erwachsene auf der Schulbank

Erwachsene schämen sich häufig für ihren Analphabetismus. Konnten sie sich durch die Schulzeit noch gerade so hindurch mogeln, sieht es in der Arbeits- und Alltagswelt ganz anders aus. Auch, wenn sie in Berufen, wie Altenpfleger oder Baumitarbeiter, tätig sind, wo Lesen zur Nebensache zählt, sind sie immer und überall von Buchstabenkombinationen umgeben. Im Supermarkt sind die Produkte beschriftet, es gibt Wegweiser, Straßenschilder, Dokumente, die auszufüllen sind, und vieles mehr. Analphabeten ziehen sich daher immer mehr zurück oder vertrauen sich nur engen Freunden oder Familienangehörigen an, die sie dann in allen Lebenslagen unterstützen und sie am besten auch zu einem Schulkurs schicken.

Denn nur, wenn die Erwachsenen zu ihren Defiziten stehen und wieder die Schulbank drücken, können sie sich vom Analphabetismus und damit auch ihrer Isolation lösen. In den Kursen, die an Volkshochschulen angeboten werden, trifft man junge Mütter, die in die Schwangerschaft flohen, smarte Männer mittleren Alters, denen man die Schwäche nie zugetraut hätte und andere Personen, die sich hinterm Faltstore treffen, um endlich wieder richtig schreiben und lesen zu lernen. Meist sind ihnen aus der Schulzeit schon einige Wörter und Buchstaben bekannt, mit denen sie aber im Alltag nicht ausreichend zurechtkommen. In der Gemeinschaft anderer, denen es genauso geht, haben die Betroffenen endlich den Mut, offen darüber zu sprechen und dagegen vorzugehen.

Wie in der ersten Klasse lernen sie hier Zahlen und vor allem Buchstaben neu kennen, um sich Stück für Stück ans Lesen und Schreiben heranzutasten. Haben die erwachsenen Schüler hinterm Flächenvorhang erst einmal die Grundkenntnisse erworben, lernen sie auch moderne Kommunikationsmittel, wie PCs mit Internetzugang, kennen, da sie häufig auch dieses Medium gemieden haben. Viele fühlen sich befreit, wenn sie endlich einen vollständigen Text lesen und verstehen können und nehmen die Welt mit anderen Augen wahr, wofür sich der Mut auf jeden Fall gelohnt hat!